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«Ein Stück Industrie und Kultur verschwindet»

von Roman Huber | SONNTAG, 30. Dezember 2007

In den Räumen des Kulturlokals Brennpunkt – der einstigen Merker-Verzinnerei und -Emailliererei – steigt an Silvester die allerletzte Party.

Höhen und Tiefen haben die Gebäude auf dem Merker-Areal zur Industrie- wie zur Kulturzeit gekannt. Waschmaschinen wurden dort jedoch nie produziert.

Anfang Januar werden hinter dem «gelben Viereck», dem klassischen Industriebau der ehemaligen Merker AG an der Bruggerstrasse, die Abbruchmaschinen auffahren. Die über 100 Jahre alten Sheddach-Bauten werden abgebrochen. An ihrer Stelle entsteht ein moderner, ökologischer Wohnbau. Ein Stück Industrie und Kultur der Stadt Baden wird damit zur Geschichte.

NOCH VOR DEM BEGINN des 20. Jahrhunderts vergrösserte die Firma Merker ihre Produktionsflächen. Walter Merker, heute 91-jährig, weiss noch sehr genau, was in diesen Hallen produziert wurde. Im ehemaligen Theaterraum von Marc «Palino» Brunner war die Verzinnerei einquartiert. «Hier standen die grossen, elektrisch beheizten Kessel», erzählt Merker. Metallene Hausartikel und Behältnisse verschiedenster Art, von der Ausstechform für Weihnachtsguetsli bis zur Milchkanne, wurden mit Zinn veredelt, das heisst damit überzogen, womit sie gegen Rost geschützt waren. Zu jener Zeit gab es weder rostfreien Stahl und schon gar nicht Plastik. Die Zinnüberzüge waren nicht nur hygienisch, leicht zu reinigen sowie lebensmittelverträglich, sondern auch lötfest, was es ermöglichte, verzinnte Teilartikel weiter zu verarbeiten. Die Verzinnerei gehörte damals zum blühenden Geschäft der Firma Merker.

PUNKTO INDUSTRIEARCHITEKTUR ist der Raum im hintersten Teil des Merker-Areals besonders interessant. Er besticht heute noch durch die Galerie, über deren hofartigen Innenbereich ein grosses Sheddach als Oblicht diente. Dieser Raum gehörte zur Emailliererei. «Die Emailmühlen, die hier unten standen, wurden von der Galerie aus beschickt», erklärt Walter Merker den Vorgang. Email besteht aus Silikaten und glasbildenden Oxiden, die zusammen geschmolzen wurden. Die dabei entstandenen Stücke wurden unter Beigabe von viel Wasser, Ton und Quarzmehl fein gemahlen. In Kabinen tauchte man die vollständig entfetteten Artikel (aus Glas oder Metall) in die flüssige Masse oder bespritzte sie damit. In Nebenräumen trocknete das Email, das sandartig an den Oberflächen kleben blieb. Das dauerte einen Tag. Danach wurden die mit Email überzogenen Gegenstände in Öfen gebrannt. «Email war bis in die Neuzeit ein viel gebrauchtes Material», sagt Walter Merker. Nebst Haushaltartikeln wurden vor allem auch Schilder verschiedenster Zweckbestimmung emailliert. «Das waren Hausnummern, Bahnhofschilder der SBB, Reklameschilder für allerlei Produkte», sagt Merker. «Für das Beschriften konnte man Schablonen zu Hilfe nehmen, doch fürs Zeichnen brauchte es viel Geschick.» Einer dieser Email-Zeichner war der Würenloser und heutige Künstler Richard Benzoni. «Doch die Produktion geriet zusehends unter Preisdruck», schildert Walter Merker deren Niedergang.

NACHDEM DIESER TEIL des Merker- Areals während einiger Jahre nur noch zu Lagerzwecken gedient hatte, entdeckte Marc Brunner alias Palino über seinen Vater, einen ehemaligen Merker-Mitarbeiter, den Charme dieser Räume. 1994 gestaltete er sie zum «Theater am Brennpunkt» um. Zehn Jahre war es die bekannte Bühne für seine eigenen Programme und viele Gastspiele. Der finanzielle Niedergang sowie der Rettungsversuch eines Trägervereins führten nochmals zu Schlagzeilen. Doch nichts konnte mehr den «Brennpunkt» retten. Der Nachfolgebühne «groundzero» nach Palino war ebenso wenig Erfolg beschieden. Im Jahr 2005 übernahm die Party Pur Production AG die Lokalitäten. Sie wurden für Firmenanlässe vermietet und mit Barbetrieb sowie Partys belebt. Morgen Silvester wird letztmals Partystimmung aufkommen, die sich zweifellos mit viel Wehmut vermischen wird.

Presseartikel «Ein Stück Industrie und Kultur verschwindet» (pdf, 1.6 MB)

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